Ist-Analysen in ERTRAG: Ressourcen- und Belastungsanalyse als erster Schritt

ERTRAG strebt die Gestaltung XR-gestützter Arbeitssystemen im Gesundheitsbereich an. Um gezielt auf der gegebenen Situation aufsetzen und die bewirkten Veränderungen sichtbar bzw. messbar machen zu können, ist eine umfassende Ist-Analyse erforderlich. Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht sind zunächst die Belastungen und verfügbaren Ressourcen einschließlich Erfahrungen und Kompetenzen hinsichtlich digitaler Technologien wichtig. 

Deshalb führte das Institut Leistung Arbeit Gesundheit (ILAG) im ersten Projektjahr eine Ressourcen- und Belastungsanalyse (RBA) bei den Projektpartnern Stryker Trauma GmbH und der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD) durch.
Nach Einbindung und Zustimmung der verantwortlichen Personalvertretungen beider Partner sah der erste Schritt der RBA Interviews mit Führungskräften und Personalvertretern vor. Die Ergebnisse dienten der Vorbereitung von Workshops mit Mitarbeitenden.

Dabei wurden bei Stryker die Bereiche „Forschung und Entwicklung“ (R&D) sowie des Vertriebes, beim UKHD Ärztinnen und Ärzte ebenso wie Operationstechnischen Assistenten (OTA) partizipativ miteinbezogen, um gemeinsam Belastungsfaktoren zu erkennen und Lösungsvorschläge für die zukünftige Gestaltung der Arbeit zu entwickeln.
Thematische Schwerpunkte der Interviews und Workshops waren die Beurteilung der Arbeitsorganisation und Zusammenarbeit mit Stakeholdern, Mitarbeiterführung und soziale Beziehungen im Team, Veränderungsprozesse und Unternehmenskultur ebenso wie Technikgestaltung. Zusätzliche Fragebögen zur Technikaffinität und Belastungssituation (TA-EG, Karrer-Gauß et al., 2024; NASA-TLX, Hart & Staveland, 1988) rundeten die Analyse ab.

Die Ergebnisse der Mitarbeitenden-Workshops beim Medizinprodukte-Hersteller zeigten deutlich: Die offene und ehrliche Kommunikation, gegenseitige Wertschätzung, der Teamzusammenhalt sowie die Hilfsbereitschaft zählen zu den Ressourcen. Die Mitarbeitenden mögen ihre Arbeit in den jeweiligen Bereichen und identifizieren sich stark mit dem Unternehmen. Dennoch gibt es auch Herausforderungen in einem wachsenden, internationalen Konzern zu bewältigen. Unternehmensstrukturen sind im Wandel, äußere Faktoren wie Marktregulationen z.B. durch die EU-Medizinprodukteverordnung wirken sich erschwerend aus. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Stakeholdern erfordert hohe Flexibilität, Reisebereitschaft und präzise Einhaltung von Terminen und Fristen. Mitarbeitende sehen Chancen in einer Entlastung durch geeignete technische Tools, die den Bedürfnissen angepasst, mit gängigen Systemen kompatibel und intuitiv anwendbar sind. Erleichterung wären für die Bereiche der Dokumentation und Zusammenfassung, zur Überprüfung und Kontrolle sowie zur Darstellung von 3D-Modellen von Medizinprodukten denkbar.
Auch die Mitarbeitenden des Universitätsklinikums benannten als entlastende Faktoren die gute interprofessionelle Zusammenarbeit, ebenso wie starken Teamzusammenhalt, die Führungskompetenzen, die Hilfsbereitschaft und die Hausstandards, die die Arbeitsabläufe vereinfachen. Das Arbeitsumfeld „(Unfall-) Klinik“ bringt aufgabenbedingt – aber auch durch gesetzliche Vorgaben – Herausforderungen mit sich. Zeitdruck, Stress, körperliche und geistige Anstrengungen sowie große Verantwortung beim Arbeiten im OP und am Patienten, ebenso wie umfangreiche und lückenlose Dokumentationen beim Einbau von Implantaten sind hier zu nennen. Chancen werden auch hier in einer technischen Unterstützung in Form von Kontrollsystemen, XR-Anwendungen, durch körperliche Entlastung (z.B. schweres Heben und Lagern) und bei der Dokumentation gesehen.

Die Belastungsanalyse offenbarte, wo Mitarbeitende Wünsche und Bedürfnisse im jeweiligen Arbeitssystem sehen. Weitere partizipative arbeitswissenschaftliche Prozesse folgen. So werden einzelne Arbeitsprozesse in MTO (Mensch-Technik-Organisation) – Workshops detailliert aufgenommen und mit Gestaltungsanforderungen technischer, organisatorischer und personenbezogener Art verbunden, bevor im nächsten Schritt die „Übersetzung“ der technischen Anforderungen in eine Programmierung ermöglicht werden wird. Nach Entwicklung eines ersten technischen Prototyps werden die Mitarbeitenden diesen im Rahmen eines Arbeitssystemtests erproben und ihr Feedback für weitere Iterationen geben.